{"id":120,"date":"2022-03-09T13:39:10","date_gmt":"2022-03-09T12:39:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.yediler.de\/?page_id=120"},"modified":"2022-03-10T10:55:57","modified_gmt":"2022-03-10T09:55:57","slug":"stefan-a-wengen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.yediler.de\/en\/text\/stefan-a-wengen\/","title":{"rendered":"Stefan \u00e0 Wengen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Iskender Yediler \u2013 Allm\u00fcll<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">W\u00e4hrend im Mittelalter und zu Luthers Zeiten der Affe noch als Teufelstier galt, ist er seit der Renaissance zur Allegorie der Kunst, respektive zum K\u00fcnstler nobilitiert. Doch fangen wir von vorne an: Die Geschichte beginnt vor vier Millionen Jahren, als eine Gruppe Affenmenschen mit einem schwarzen, geheimnisvollen und wie aus dem Nichts aufgetauchten Monolithen konfrontiert wurde. In einer der eindrucksvollsten Szenen der Filmgeschichte schleudert der nun neu entstandene homo faber einen Knochen, mit dem er zuvor den Anf\u00fchrer einer fremden Gruppe erschlagen hatte, triumphierend gen Himmel.<small><sup>1<\/sup><\/small><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dieser Szene veranschaulicht Stanley Kubrick in seinem Science-Fiction \u201e2001: A Space Odyssey\u201c nicht nur die Menschwerdung und deren Pr\u00e4destination ihrer \u00dcberlebens- und Dominanzstrategien, sondern \u2013 nun als Krone der Sch\u00f6pfung vermeintlich privilegiert \u2013 auch deren k\u00fcnftige Ausbeutung jedweder Ressource von Mensch und Tier, dem Raubbau an der Natur und dem stetig expandierenden Begehren ihrer Pr\u00e4potenz auch im Weltall.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Viel sp\u00e4ter, im Jahre 1978, entdeckte der Nasa-Wissenschaftler Donald J. Kessler erstmals eine Dynamik im Asteroideng\u00fcrtel mit kleinen Himmelsk\u00f6rpern, die stets aufeinander prallen. Er \u00fcbertrug dieses Ph\u00e4nomen auf Weltraumschrott, dessen im Orbit umherschwebende Objekte derzeit auf etwa 30.000 Teile gez\u00e4hlt werden kann; der Menschheit gr\u00f6\u00dfte M\u00fcllkippe. Seit dem Start der Sputnik, dem ersten k\u00fcnstlichen Himmelsk\u00f6rper, am 04. Oktober 1957, haben die Raumfahrtnationen tausende Satelliten und Sonden, einhergehend mit Unmengen von Abfall wie abgebrannte Raketenstufen, Bolzen und andere Kleinteile, im All hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Iskender Yedilers Allm\u00fcll-Skulpturen befl\u00fcgeln nun die Vorstellung, jenseits romantischer Ideen, dass auf unserer Umlaufbahn reichlich schwebende Kleinteile, wertvoller Schrott, ihre regelm\u00e4\u00dfigen Bahnen ziehen. Die anf\u00e4nglich vom Urmenschen durch einen kargen Knochen indizierte Handhabe zu Macht, Dominanz und Herrschaft, zeigt uns Yediler nicht nur bei seinen in Bronze und in Aluminium gegossenen Oberschenkelgebeine eines Thai-Rindes, die wom\u00f6glich, bez\u00fcglich Kubricks Film, als Stellvertreter eines Tapirknochens gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Abgie\u00dfen und dadurch Vervielf\u00e4ltigen von Objekten hat in der Kunstgeschichte eine lange Tradition. Picassos Skulptur \u201eLa guenon et son petit\u201c<small><sup>2<\/sup><\/small>&nbsp;beispielsweise, f\u00fchrte schon 1951 vor, wie zusammenmontierte und danach abgegossene Alltagsgegenst\u00e4nde zu etwas ganz anderem verschmelzen k\u00f6nnen; zwei Spielzeugautos, die Henkel eines Tonkruges und zwei Gipsk\u00fcgelchen bilden zusammen den Kopf einer Pavianmutter (sic!). Iskender Yediler geht jedoch noch einen Schritt weiter; seine Weltraumschrott-Skulpturen aus Aluminiumguss sind gleichsam ironisch k\u00fcnstlerische und gleichzeitig kritisch geschaffene Objekte. Sie wurden vor ihrem Guss aus Noppenfolien, Pappschachteln und -rohren, abgebrochenen Flaschen, Spraydosen und dergleichen mehr Zivilisationsm\u00fcll zusammengesetzt, deren Herkunft Yediler als ein \u201eAbfallergebnis\u201c unseres Fortschritts darstellt; verschmolzen und zusammengeschwei\u00dft, zerkn\u00fcllt und zerknautscht, gleichsam so wie es die Kr\u00e4fte des Orbits und das Herunterrasen auf die Erde geformt haben k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kurzum, der einst vor vier Millionen Jahren hochgeworfene Knochen f\u00e4llt nun, im 21. Jahrhundert, als verformte, deformierte und zerbeulte Metallm\u00fcllkn\u00e4uel auf unsere K\u00f6pfe zur\u00fcck. Vielleicht erklingt dabei erneut im Hintergrund, als leises Echo, Richard Strauss\u2019 \u201eAlso sprach Zarathustra\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Iskender Yediler wurde 1953 als Sohn tatarischer Eltern in Eskisehir, T\u00fcrkei, geboren. Von 1972 \u2013 1974 besuchte Yediler die Fachoberschule f\u00fcr Gestaltung in M\u00fcnchen, danach, von 1974 \u2013 1979, die Fachhochschule f\u00fcr Gestaltung in M\u00fcnchen mit Abschluss als Diplom Graphik Designer. Von 1981 \u2013 1983 bem\u00fchte Yediler das Bildhauereistudium an der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in M\u00fcnchen bevor er von 1984 \u2013 1987 die Staatliche Kunstakademie D\u00fcsseldorf bei Prof. Ulrich R\u00fcckriem besuchte. Iskender Yediler lebt und arbeitet heute in Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><small><sup>1<\/sup><\/small>&nbsp;\u201e2001: A Space Odyssey\u201c, 1968, basiert auf der Kurzgeschichte \u201eThe Sentinel\u201c von Arthur C. Clarke. Sie sollte urspr\u00fcnglich \u201eJourney Beyond The Stars\u201c hei\u00dfen. Der Science-Fiction-Film entstand unter der Regie von Stanley Kubrick.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><small><sup>2<\/sup><\/small>&nbsp;Pablo Picasso; \u201eLa guenon et son petit\u201c, 1951, Bronze, 53 x 33 x 61 cm, Sammlung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Stefan \u00e0 Wengen, 2014<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Iskender Yediler \u2013 Allm\u00fcll W\u00e4hrend im Mittelalter und zu Luthers Zeiten der Affe noch als Teufelstier galt, ist er seit der Renaissance zur Allegorie der Kunst, respektive zum K\u00fcnstler nobilitiert. 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